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hermann reimer · malerei |
berlin |
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Zu der Malerei von Hermann Reimer
In der Malerei hat die Gattung »Interieur« eine lange Tradition und verfügt über eine hohe Vielseitigkeit.Nahezu alle bekannten Maler bis heute
haben sich mit diesem Thema beschäftigt. Die Darstellung von Innenräumen bzw. Zimmern mit und ohne Personen vermittelt uns viel über
das private Milieu, die Arbeitswelt und das gesellschaftliche Umfeld der Menschen in ihrer Zeit.
Ein großer Teil von Reimers Malerei hat ihren Schwerpunkt in der Darstellung von Räumen. Seine Malerei
offenbart die hohe Vielseitigkeit des Themas. Zum einen stellt er geschlossene Räume, die aus der Zeit
gesprungen zu sein scheinen: Hotels, Ferienwohnungen, Wohnzimmer, Schlafzimmer. Alle diese Bilder verfremdet
und seltsam anrührend. Der andere Teil der Bilder öffnet den Innen- zum Außenraum, eine postindustrielle Landschaft
ersetzt die Rückwand der Räume, Personen agieren in den unterschiedlichen Bildebenen und sind gleichzeitig ein Teil
der Einrichtung und Ornamentik. Außen und Innen werden wie in einem Möbius‘schen Band seltsam verknüpft.
Wohnen ist wichtig in Deutschland, man will es gemütlich haben, es soll präsentieren, aber es soll gleichzeitig auch
individuell sein und in der Einrichtung eine persönliche Note herausstreichen. Man umgibt sich mit einer Einrichtung,
die schon aus sich heraus etwas zum Selbstverständnis des Bewohners aussagen soll. Zusätzlich dokumentieren persönliche
Fundstücke, Bilder oder Andenken, quasi als Denkmäler punktweise die persönliche Biografie.
Ein wenig grotesk wirken heutzutage Einrichtungskataloge. Vorbei die Zeit, wo einzelne Möbelstücke, eben wie in einem
Katalog, aufgelistet werden. Gezeigt werden meistens fertig eingerichtete Räume – oft sogar schon mit Bewohnern. Bilder
hängen bereits an den Wänden, Erinnerungsstücke auf den Simsen, Kinderspielzeug liegt verstreut auf dem Boden.
Ähnliches findet man auf Fotos im Internet auf der Suche nach Ferienwohnungen. Zwar sind die Räume für Feriengäste
eingerichtet, spiegeln aber doch mit Sicherheit Einiges aus den Lebensgewohnheiten und der Geschmackswelt der Besitzer wider.
Auch hier findet man persönliche Accessoires, als ob die Ferienwohnungen bewohnt wären, teilweise liegt eine Tasche auf einem Stuhl,
oft brennen die Lampen bis auf genau eine – man weiß nicht, ob defekt oder vergessen einzuschalten –, Tassen stehen auf dem Tisch,
als ob die Bewohner gerade aufgesprungen wären. Ein wenig wie in dem Film „Bladerunner“ von Ridley Scott werden, statt den
eventuell zu Depressionen neigenden Robotern, hier den Räumen künstliche Biografien und Erinnerungen eingepflanzt.
Teilweise werden die Räume nahezu realistisch dargestellt, teilweise brechen die dargestellten Räume an einzelnen Stellen
auf oder sie erweitern sich zum Außenraum. Personen stehen bzw. sitzen teilnahmslos herum, gleichwertig zu den abgebildeten
Einrichtungsgegenständen bzw. Architektur- oder Landschaftselementen. Manchmal lösen sich diese Figuren sogar direkt in ihrer
Umgebung auf. Hotelzimmer oder Ferienwohnungen werden zusätzlich durch die Farbgebung, die Ornamentik verfremdet. Reimer lotet
hierbei die malerischen Möglichkeiten auf gekonnte Weise aus.
Er beschreibt das scheinbar Bekannte, fokussiert das scheinbar Unwesentliche, wie z. B. Sessel, Sitzgruppe, Couchtisch,
Schrankwand oder Gebäude, alles dies Elemente des bewohnten wie umbauten Lebens, die uns fast nicht mehr auffallen, weil
sie so sehr zum Alltag gehören. Reimer macht diese Dinge wieder sichtbar. Die uns eigentlich unbekannten Räume und Landschaften
wirken auf uns seltsam vertraut, evozieren Erinnerungen an schon mal Gesehenes oder Erlebtes. Die Bilder erzählen Geschichten,
die nicht in Worte zu fassen sind, besitzen eine melancholische Atmosphäre und wirken dabei seltsam anrührend, ein unbestimmtes
Gefühl, das noch längere Zeit nachklingt. Dies ist vielleicht das Überraschendste: Reimers Bilder gehen einem nicht mehr
so leicht aus dem Kopf – aber seichte Melodien sind sie wirklich nicht.
Daniel Khafif - Schriftsteller und Kunsthistoriker
Gerettete
Malerei – Bilder von Hermann Reimer
Kunst ist immer wieder in Gefahr. In wiederkehrenden Zyklen wird ihr Ende
angesagt und oft sogar schon festgestellt. Eine der ganz großen Krisen
hat der Verfasser dieser Zeilen als jugendlicher Maladept selbst
miterlebt. Es waren das nach dem Krieg von Wols und Fautrier entwickelte
Informel, das in den fünfziger Jahren dann berühmt und bestimmend
wurde, und der gleichzeitige amerikanische Abstrakte Expressionismus mit
Pollock und de Kooning an der Spitze, welche überall als letzte Möglichkeit
der Malerei angesehen wurden. Das, so schien es, war der Endpunkt der
Malerei. Es gab viele Diskussionen darüber, ob denn hinter diesem
letzten Archipel überhaupt eine weitere Malerei zu denken sei. Keiner
konnte sich das vorstellen. Und so dümpelte der Tachismus, ein weiteres
Wort für gestische Kunst, dahin – nach kurzer Zeit schon schal
geworden, aber mit immer mehr Malern im Schlepptau. Ein Medium, die
Malerei, schien ausgeschöpft zu sein. Erst
die Pop-Art sollte hier, zu Beginn der sechziger Jahre, der müde
gewordenen Ästhetik des Informel ein Ende bereiten, indem sie das
Primat der reinen Malerei aufhob und sich wieder an die narrative
Verpflichtung eines Bildes erinnerte. In wenigen Jahren war die gesamte
Kunstszene umgekrempelt und ein Weg aufgezeigt, der so weiträumig wie
einleuchtend war, dass sich eine ganze, neue Welt für Maler damit
auftat. Es
war ein Anfang voller Kraft und Hoffnung. Es war eine Kunst, die sich
ihre Sujets, ihre Themen aus der Werbung, aus der Glitzerwelt des Films
sowie aus ihrer eigenen Vergangenheit, nämlich Bilder der
Kunstgeschichte, nahm und persiflierte. Aber auch hier dauerte es nur
einige Jahre und wiederum begann ein Verfall: zur Pop-Art gesellten sich
Arrangements wie Performance, Video, Environment etc., die sich an
Stelle der Malerei setzten, Malerei also zum Handwerk ummodeln wollten.
Ein vielleicht noch bedrohlicherer Zustand, der diesmal die gänzliche
Abschaffung anpeilte. Erst
viel später, in der Post-Pop-Art, und noch später mit der Leipziger
Schule, kamen die vorauseilenden Träume des Science-Fiction dazu, und
Software und Internet lieferten einen ganzen Märchenwald an Möglichkeiten.
Ein Kaleidoskop entstand aus Realismus, Zeitungsausschnitten, Anzeigen
und Comics: Große und kleine Dinge wurden ohne Verhältnis zusammengefügt,
oben und unten gänzlich aufgehoben, Gegenstände hatten keine Schwere
mehr, Zeit und Zeitalter waren ohne Belang. Es entstand eine vorher nie
gesehene Inflation der Phänomenologie, ein Chaos aus Fiktion, Wahrheit
und Zufall, aber es entstand auch Hermeneutik, ja, eine Ahnung von
Allegorie wehte uns manchmal an. Das
war die zweite Rettung der Malerei und diese ist bis heute noch wirksam.
Als Hermann Reimer, von der Physik kommend, sich der Kunst verschrieb,
war davon nur ein schwacher Morgenstreif sichtbar, und dieser Streif hieß
Phillip Guston. Nur Strukturen für die große Deutung waren vorhanden,
die Kunst selbst schwebte noch ziellos im gesellschaftlichen Raum. Zurück
wollte man nicht, die Tradition blieb zerstört. Zu der Zeit war jede
Kunsttheorie Äonen entfernt von der direkten Anschauung des
Impressionismus, und Versuche im Expressionismus verliefen im Sande.
Letztere, oft überzeugend gemalte Versionen, blieben doch international
ohne Wirkung. Den jungen Malern in diesen neunziger Jahren, wovon
mittlerweile die Rede ist, war Phillip Guston ein Vorbild. In seinem
Geiste, in der Einfachheit seiner großzügigen Spätphase, fanden sie
die bedingungslose Hingabe, die Offenheit, gepaart mit Kraft und
Rigorosität die sie suchten. Seine Malerei überzeugte eine ganze
Generation und so mancher fand durch ihn wieder zurück zur Malerei. Der
junge Phillip Guston allerdings gehörte in den fünfziger Jahren zu den
Protagonisten des abstrakten Expressionismus, war damals schon sehr
erfolgreich, aber, und das ist eines der seltsamsten Paradoxa der
Kunstgeschichte, erst sein Spätwerk, welches wieder zurück ins Gegenständliche
fiel – wieder zurück in die plakative, großformatige, wuchtige
Malerei einfacher Dinge und Figuren – sollte jene Pop-Art überwinden,
mit der er gar nichts zu tun hatte. Seine späte Malerei verhalf der
Post-Pop-Art zu einer Plattform, die so wirkte, dass sie Hermann Reimer
zu der entscheidenden Auseinandersetzung mit Malerei anregte. Über
Gustons Vorbild wurde er zu einem suchenden, ernsthaft arbeitenden
Maler. Die Kunst Hermann Reimers sieht heute ganz anders aus, vom
Einfluss Gustons ist nichts mehr zu sehen, aber der Aufbruch kam über
ihn. Jeder
neue Anfang ist schwierig, zwischen Vorstellung und Resultat liegen
Welten. Eine neue Ästhetik ist zunächst ungelenk. Dazu kam, dass das
Umfeld die Lösung nicht anbot, auch nicht vorgeben konnte. Nur die Tat
konnte helfen, nur malend konnten Fiktion und Realität, die Egalität
von Groß und Klein, von Gestern, Heute und Morgen sich zeitlos und so
somnambul im Bilde
vereinen. Glückt diese Malerei, ist sie faszinierend. Verlässt den
Maler aber seine Intuition und findet er nicht aus dem Wust von tausend
Möglichkeiten die richtige Fassette, bleibt sein Bild belanglos. Er ist
gezwungen, das Wagnis einzugehen, muss sich immer wieder extrem
entscheiden, und arbeitet so, zweifelnd und suchend und schließlich
erkennend, am Mythos der Malerei. Hermann
Reimer weiß heute, was er tut. Er ist sicher geworden – soweit man
davon in der Kunst überhaupt sprechen kann. Der Weg dahin war hart und
der Pfad war schmal. Auch das sieht von außen immer anders aus,
leichter, einfacher, aber es gibt jedes Mal eigentlich nur eine richtige
Lösung. Diese zu finden verlangt Geduld und etliches an Stehvermögen.
Hier ist es gelungen und wir freuen uns über die neue Kunst und darüber,
dass im Chaos eine Ordnung gefunden wurde, und wir nehmen in Kauf, dass
buchstäblich alle dargestellten Menschen, Häuser und Räume imaginär,
virtuell sind. Daran haben wir uns gewöhnt, denn auch wir, die
Zuschauer, die Anschauer eines Bildes von Hermann Reimer, haben mit der
Zeit etwas von der neuen Kunst gelernt. Wir können das Bild jetzt
lesen. Prof. Klaus Fußmann |
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